• Michael Wälti

Körpersprach-Analyse: Abstimmungs-Arena «Ernährungssicherheit» vom Freitag 25. August 2017


Hallo liebe Körpersprach-Interessierte!

Seit Wochen freue ich mich darauf, dass die Arena wieder anfängt! Das ist für mich, wie für andere die Fussball-Schweizermeisterschaft - und das jede Woche! Ich gebe zu, ich amüsiere mich köstlich dabei. In meinem Blog beschreibe ich erst die allgemeine Wirkung der Akteur*innen und schildere dann die Highlights der nonverbalen Kommunikation mit Minuten-Angabe. Sie können sich die herausgesuchten Momente oder die ganze Sendung hier ansehen:

Die Arena 25. August 2017

Die Protagonist*innen

Johann Schneider-Amman - Wirtschaftsminister

Er hat mit seiner Ansprache zum Tag der Kranken bereits Youtube-Berühmtheit erlangt. Sein Markenzeichen sind die unkontrolliert hochschnellenden Augenbrauen. In der Körpersprache würden diese für gewöhnlich Interesse oder Verwunderung ausdrücken. Er benutzt sein "Eye-Brow-Flash" aber zur Betonung einzelner Wörter, denn sie schnellen immer dann hoch, wenn er lauter spricht.

Ansonsten wirkt Schneider-Amman auch in dieser Sendung kraftlos und ohne Vitalität. Er verwendet nur sparsame, symmetrische Gestik auf Bauchnabel-Höhe - er spricht sachlich und leidenschaftslos. Bei wichtigen Aussagen hebt er die Stimme an, was ihn belehrend wirken lässt. Dadurch hat er aber weniger Autorität als er mit tiefer Stimmlage hätte. Seine Handflächen weisen beschützend nach vorne, wenn er die Hände benutzt - so wehrt er Argumente ab. Hals und Kopf bewegt er fast nicht, was dazu beiträgt, dass er leblos wirkt. Er ist zurückhaltend, denn sein Mund öffnet sich kaum beim Sprechen. Er beweist jedoch Zuhörerqualitäten: Er wendet sich den Sprechenden mit der Brust und dem Blick zu und ist Aufmerksam.

Wenn Schneider-Amman von Zukunft, Aufschwung und "Schweiz vorwärts" spricht, glaubt man dies aber nicht. Eher vermittelt er Ruhe, Beständigkeit und Rückzug. Der Blick weisst nach unten - er hat keine Vision und hängt in der Vergangenheit.

Markus Ritter

Ritter spricht laut und aggressiv. Häufig senkt er das Kinn zum Angriff: eine Geste, welche diesen verletzlichen Teil des Körpers im Kampf schützen soll. Mit überlegenem Lächeln hämmert er mit seinem Arm die Argumente kräftig in den Boden, denn die Bewegung von oben nach unten will andere niederschlagen. Ich war erstaunt über die hohe Stimmlage bei so einem grossen Mann. Einerseits spricht er nasal, aber die Höhe der Stimme deutet auf viel Spannung im Bauch, im Beckenbereich oder in der Luftröhre.

Ganz offensichtlich kämpft er gerne mit Peter Grünenfelder. Häufig zeigt sich Verachtung im Gesicht, wenn er diesen Anschaut. Höchstwahrscheinlich sind sie sich schon vorher begegnet - seinerseits kommt bei der Auseinandersetzung ein Gefühl von Genuss auf. Insgesamt wirkt Ritter aggressiv und kämpferisch, wenn auch übereifrig und ohne Kontakt zum Boden - seine Emotionen entwurzeln ihn häufig.

Kathrin Bertschy

Sitzend hält Bertschy die Arme stark gekreuzt: eine defensive Geste (schützt ihre verletzlichen Organe). Überhaupt wirkt sie sitzend, als möchte sie nicht handeln. Die Hände bleiben meistens gefaltet und passiv - sie wartet ab. Auffällig: sie sitzt mit ablehnender Schulter seitlich von Werner Salzmann (Sie zeigt ihm die kalte Schulter). Am Stehpult wird sie dann aktiv. Kämpferisch markiert sie ihr Territorium, in dem sie sich mit erhobenen Ellbogen am Pult abstützt (das sieht man sonst eher bei SVPlern). Gleich wie Schneider-Amman erhöht sie die Stimmlage häufig und wirkt so belehrend (die Körperspannung steigt an). Obwohl sie gewichtige und inhaltlich gute Argumente hat, kann sie diese körperlich zu wenig zur Geltung bringen. Mit ihrer Armgestik wirkt sie eher entschuldigend (Schultern gehen hoch in einer Geste der Ratlosigkeit) als Weg weisend.

Werner Salzmann

Salzmann sitzt mit den Knien in breiter Macho-Pose auf dem Stuhl (demonstriert so seine Potenz). Spannend: sein Standpunkt ist eng (Füsse sehr Nahe beieinander und bieten wenig Fläche). Der eine Arm mit erhobenem Ellbogen ist abwehrend auf das Knie gestützt.

Beim Sprechen auf dem Stuhl hebt er die Daumen: so wird Dominanz-Anspruch angezeigt, denn der Daumen regiert die Hand. In der Gestik zeigt er die Handrücken zur Abwehr der gegnerischen Argumente.

Am Sprechpult verhält er sich ähnlich. Sein Körper mit leicht gerundeten Schultern (Beugemuskulatur ist aktiv zum Kampf mit angespannter Kiefermuskulatur) mit gesenktem Kinn, aufgeblähter Brust und hohem Blick, drückt auch hier Dominanz aus. Schnell und hart klingen die Worte aus seinem Mund. Auch er hämmert gerne beim Sprechen mit seinem Arm.

Hans Egli

Er will es besser wissen. Darum benutzt er stets den Zeigefinger, um es den anderen zu zeigen. Auch er spricht sehr laut und hämmert eindrücklich mit seinem rechten Arm. Lustig: dazu liest er seine Argumente vom Notizblatt ab und dadurch wirkt er sofort unglaubwürdig. Er zeigt, dass er die Diskussionen vorbereitet hat und geistig nicht flexibel ist. Stellen sie sich vor, sie wären in einem Boxkampf und würden ständig den Blick vom Gegner abwenden - so einer kann nicht gewinnen.

Wenn sein rechter Arm nicht hämmert, dann ist er in der Hüfte abgestützt: so nimmt er viel Raum ein und hat den Ellbogen zur Abwehr bereit. Links ist der Arm so platziert, dass er eine Barrikade zu Peter Grünenfelder schafft.

Nach jeder Aussage lächelt er – fast bübisch. Er geniesst es, sich selbst sprechen zu hören. Es macht ihm Freude. Sichtbar meiden die anderen Arena Teilnehmer*innen den Blickkontakt mit ihm. Sie nehmen ihn nicht ernst: Ignoranz gilt als Status-Verletzung

Peter Grünenfelder

Stützt sich mit viel Gewicht an seinem Pult ab und wirkt dadurch kraftlos. Ist er müde? Zeigt sonst aber typische Zeichen von Angriffsposen (präsentiert die harte Aussenseite des Körpers). Den Kopf und Blick hält er fast unterwürfig tief - dadurch wirkt er zuerst unsicher. Allgemein umgibt ihn eine Körperhaltung, welche Enttäuschung und Müdigkeit ausdrückt – er ergibt sich der Schwerkraft, alles zieht nach unten. Hatte er einen harten Tag? Er wirft seine Gesten und hält sie nicht lange genug im Raum, damit sie ihre Wirkung erzielen. Auf die gleiche Weise wirft er anfangs die Argumente umher.

Später scheint ihm das Sitzen besser zu bekommen und er wirkt wieder kräftiger. Als einziger macht er manchmal auffällige Pausen nach starken Aussagen - das gibt ihm eine starke Autorität. Das sieht man beispielsweise auch bei Barak Obama.

Sein Kampf mit Ritter ist ebenfalls offensichtlich, er wirkt dabei aber freudloser und erschöpft.

Auffällige Momente

7:52

Jonas Proyer greift Bundesrat Schneider-Amman an: „Die meisten (Initiativen) müssen einfach irgendwie umgesetzt werden“. Gleich nach der Aussage, sehen wir wie sich Schneider-Amman kurz vor dem Argument weg duckt: Er zieht den Kopf ein und ändert seinen Stand. Fast unmerklich schüttelt er seinen Kopf in Verneinung.

Er antwortet: „Für das gibt es nachher irgendwelche Verordnungen. Da kann ich euch sagen, am Bundesamt für Landwirtschaft verordnen wir so wenig wie möglich“. In diesem Moment leckt er sich die Lippen: er prüft nach, wie ihm seine Aussage schmeckt. Viele orale Ausdrucksweisen aus der Kindheit zeigen sich auch noch im Erwachsenenalter.

Schneider-Amman dreht ausserdem seine linke Körperseite ab und geht so in eine körperliche Abwehrhaltung mit der rechten. Im Anschluss deeskaliert Jonas Proyer mit offener Gestik und beruhigender Stimme. Schneider-Amman dreht seine linke Körperseite zurück und versucht um 8:30 dominant zu sein mit einer zurückhaltenden Hammer-Geste (Unterarm der von oben nach unten schlägt – eine typische Politker*innen Bewegung).

15:00 – 16:00

Die Aussagen von Kathrin Bertschy schmecken Merkus Ritter nicht. Er kaut auf ihnen herum, die Zunge stösst sie aus oder er schmeckt ihnen nach.

16:50

Nachdem Hans Egli auf eine Aussage von Schneider-Amman zurückkommt, streichelt sich dieser den Daumen. Geniesst Schneider-Amman es, eine dominante Aussage gemacht zu haben? Oder bereitet er ein Argument vor? 17:03 stützt sich Schneider-Amman während der angriffigen Aussage von Egli auf seinem Pult ab – er braucht halt. Seine recht Hand versorgt er kurz in der Hosentasche. Die rechte Hand ist mit unserer intellektuellen Gehirnseite verbunden. Sucht er nach Argumenten?

28:30

Schneider-Amman erwacht aus seinem Dornröschen-Schlaf und hebt den Blick an. Jetzt wirkt er grösser und mehr wie ein Bundesrat.

29:18

Wunderschönes Bild! Herr Ritter will Schneider-Amman ins Wort fallen und für den Bundesrat antworten. Schneider-Amman stoppt Ritter mit väterlich wirkender Dominanz-Geste, in dem er seine Hand auf den rechten Arm von Ritter legt. Dies geschieht aber sehr zärtlich. Ritter lächelt überrascht und senkt seinen Kopf in einer Unterwerfungsgeste. Er wirkt wie ein Schulbube, der bei einem Streich ertappt wurde. Bei 30:03 juckt es aber Ritter derart in den Fingern, die er fast neurotisch aneinander reibt, dass er sprechen muss. Meine Lieblings-Szene in dieser Arena!

41:10

Kathrin Bertschy geht in Angriffs-Position mit breit abgestützten Armen, erhobenen Ellbogen, erhobenem Kinn und aufgeblähtem Brustkorb. Das Ziel des Angriffs ist klar: Werner Salzmann

50:20

Schneider-Amman wird kritisiert. Schon vorher stützt er den rechten Arm ein und positioniert er seinen Ellbogen zur Abwehr. Dann muss er nachdenken: er führt alle Fingerspitzen zusammen (wie Angela Merkel) und weiss, dass er jetzt vorsichtig sein muss. Auffällig: nach seinem ersten Satz führt er den Finger zur Nase. Er will sich verstecken. Dies zeigt Nervosität an, heisst aber noch nicht, dass er lügt. Einerseits verbergt die Geste das Gesicht. Gleichzeitig kratzt er sich. Die Kritik an ihm ist also wie ein Juckreiz und er versucht ihn zu beseitigen.

Ausserdem sehen wir bei 50:40, dass die Beine von Schneider-Amman gekreuzt sind. Er hat einen schlechten Stand und kann sich so nicht verteidigen. Er spürt das wenig später und steht dann auf zwei Beine.

60:00

Hans Egli bringt sich sehr ungeschickt wieder ins Gespräch mit ausfallender Gestik. Er wird dafür ausgelacht und löst Kopfschütteln aus. Grünenfelder straft Egli dadurch, dass er ihn bei seiner Antwort nicht anschaut. Ein klare Statusverminderung und Strafe.


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