• Michael Wälti

Power-Posing: Funktioniert das?

Aktualisiert: Juni 17


Amy Cuddy und Wonder Woman


Wenn ihr jemals auf Youtube nach Videos zur Körpersprache gesucht habt, dann seid ihr ziemlich sicher auf den Ted Talk von Amy Cuddy gestossen. Cuddy ist in der Forschung tätige Sozialpsychologin und erklärt, wie sich das Einnehmen einer Körperhaltung für einen Zeitraum von einigen Minuten (in diesem Fall Power-Posing) auf den Hormon-Haushalt auswirkt und wie das Halten einer dominanten Pose das Selbstbewusstsein eines Menschen verändern kann. Dieser Ted Talk mit beinahe 20 millionen Views ist mittlerweile als Körpersprach-Mythos ins Allgemeinwissen über Körpersprache integriert worden und als Experte wurde ich bereits unzählige Male darauf angesprochen. Ich nenne es einen Mythos, weil ein komplexes Problem, wie das Selbstvertrauen eines Menschen zu steigern, nicht mit einer Wunderpille angegangen werden kann, sondern ein komplexer Prozess ist. Ausserdem wirkt der Menschen mit seiner Dynamik, nämlich in der Bewegung, und nicht in gehaltenen Posen. Das Konzept scheint einfach: Nimm für einige Minuten in einer breiten Pose möglichst viel Raum ein, der Körper sendet ein Signal an das Gehirn, dass er nun einen hohen Status geniesst (also viel Macht besitzt), und als Feedbackschleife fliessen Glückshormone wie Dopamin ins Blut. Logisch, oder? Cuddy hat dies bei eigenen Forschungen festgestellt und publiziert. Wir sehen im Alltag ja täglich, wie sich Führungspersonen ausbreiten und gut fühlen, während sich Benachteiligte klein machen und schlecht fühlen.


Leider aber konnten Cuddys Resultate von anderen Wissenschaftler*innen nicht repliziert werden (1, 2, 3, 4, 5, 6). Es wurden keine oder statistisch geringe hormonelle Veränderungen festgestellt und es konnte auch keine oder kaum eine Veränderung im Verhalten der Proband*innen festgestellt werden. Trotzdem hielt das aber einen Teil der Körpersprach-Trainer nicht davon ab, sofort auf diesen Zug aufzuspringen und ihre Klient*innen vor jeder wichtigen Ansprache minutenlang in breit-beinigen Power-Poses verharren zu lassen. Einige waren auch so schlau, ihren Klienten*innen zu empfehlen, Fotos in diesen Positionen zu machen z. B. die Tory Partei in England. Wie doof das aussieht, sehen wir hier: Tory Power Pose.



Einige typisch dominante Posen


Wenn jemand übermässig viel Raum einnimmt, dann sanktionieren wir diese Person in der Regel verbal. Sollte sich eine Person in der U-Bahn neben uns so breit machen, dass wir nur verkrampft sitzen können, reagieren wir hoffentlich, in dem wir nach mehr Platz fragen. In der U-Bahn haben wir alle denselben Status und somit haben wir alle Recht auf gleich viel Platz. Mehr Platz heisst höherer Status. Bist du mal 1. statt 2. Klasse im Zug oder im Flugzeug gereist oder umgekehrt? Da wir alle ein unterbewusstes Gespür dafür haben, wie viel Platz jemand einnehmen sollte, sieht sogar jeder Laie, dass die Posen der Tory Partei übertrieben, unglaubwürdig und künstlich wirken.

Kennst du diese Situation?


Natürlich fühlen wir uns gut in Power Poses! Wie jemand, der oder die gerade eine Goldmedaille an den olympischen Spielen gewonnen hat. Oder es steigert den Spass in Videospielen. Nur hat Cuddy mit der Behauptung, dass das Posieren in dominanten Körperhaltungen den Hormon-Haushalt oder das Verhalten eines Menschen grundlegend verändern kann, zu hoch gegriffen. Erwiesen ist, dass Menschen mit offener und aufrechter Haltung besser wirken. Zum Beispiel scharen Politiker*innen mit aufrechter Haltung und öffnenden Bewegungen schneller Mengen um sich. Sie wirken selbstsicherer, charismatischer und ihre Fähigkeiten werden höher eingeschätzt. Wollen wir also Karriere machen, dann arbeiten wir besser an unserer Haltung, statt vor jeder Rede in Power-Posing zu verharren.


Ich verwende kein Power-Posing in Seminaren oder im Coaching, denn der Mensch wirkt mit seiner Dynamik und eine Pose ersetzt keine gründliche Vorbereitung. Körpersprache findet in der Bewegung statt: wir gestikulieren aktiv, wir benutzen unsere Stimme und wir drücken Gefühle im Gesicht und Körper aus. Vor einer Präsentation empfehle ich, leichte Bewegung auszuführen (wie im Park spazieren zu gehen), mit vertrauten Menschen zu sprechen oder Stimmübungen zu machen. Langes Stillsitzen, Arbeit am Laptop oder Spielen am Smartphone würde ich vor einer Präsentation vermeiden, weil sich nach 30 Minuten in einer gehaltenen Position das Bindegewebe zu verhärten beginnt. Das wirkt sich negativ auf unseren emotionalen Ausdruck aus (Wirbelsäule, Hals- und Augenmuskulatur steif), auf unsere Stimme (Atmung und Zwerchfell blockiert, Stimme verliert Kraft und Resonanz) und weil sich die Blutzirkulation verlangsamt, wirken wir allgemein weniger aktiv und vital. Wenn wir Menschen zum Handeln motivieren wollen, müssen wir selber diese Bereitschaft zur Aktion ausstrahlen. Deshalb halte ich es auch nicht für hilfreich, vor einer Ansprache einige Minuten in einer Pose herumzustehen.


Power-Posing hilft also wenig bis gar nicht, dass wir überzeugender auftreten. Denkst du, dass sich Obama vor seinen Ansprachen in der Toilette einschliesst und dort in einer Power-Pose herumsteht? Vermutlich nicht. Wie bei allen grossartigen Redner*innen steckt jahrelange Erfahrung und Arbeit an sich selbst dahinter.


Gefällt dir der Artikel? Teile ihn gerne auf deinen sozialen Medien und klick auf das Herz für ein Like! Hinterlass einen Kommentar, was du darüber denkst oder wenn du fragen hast.


PS: Amy Cuddys Titel lautet: "Your body language may shape who you are"... Ich würde sagen: "Your body language is you".



101 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen