• Michael Wälti

Wirst du gerne beratschlagt? Wie wir bessere, aktive Zuhörer werden.

Aktualisiert: 18. Jan.

Trouble in Love Land


Wir sind gerade bei der Arbeit in der Cafeteria und eine uns bekannte Kollegin oder ein uns bekannter Kollege kommt mit zusammengepressten Lippen zu uns. Die Person erzählt uns spontan von dem schlimmen Streit mit dem Partner gestern. Nun können wir als Zuhörer zwei Wege gehen:


1. "Du solltest halt nicht gleich so emotional werden. Vielleicht probierst du es mal mit Yoga? Das hat mir auch geholfen, weniger stark auf solche Dinge zu reagieren. Und wenn ich wütend werde, zähle ich im Kopf immer von 1 – 10..."


Oder:


2. "Oh je, das klingt heftig. Wie fühlst du dich nun? (...) Was wirstdu jetzt tun?"


Zugegeben. Dies sind zwei plakative Beispiele. Mir geht es aber darum, deutlich aufzuzeigen, wie verschieden diese Ansätze im extremen Beispiel wirken. Vermutlich hören wir alle lieber die zweite Version. Diese wirkt jetzt vielleicht zu pädagogisch, aber ich vertraue Ihnen, dass Sie das in Ihrem Gespräch besser verstecken werden. "Oh je, das klingt heftig.". Mit dieser Aussage bestätigen wir, dass wir das Gefühl der anderen Person wahrgenommen haben und dass wir Mitgefühl empfinden. "Wie fühlst du dich nun?" Eine offene Frage, welche zum Erzählen einlädt und emotionale Nähe schafft. "Was wirst du jetzt tun?". Diese Folgefrage bringt die Person zu einem mentalen Prozess, in dem eine Lösung gesucht wird. Somit kann diese Frage helfen, dass eine Lösung und sogar eine positive Haltung zur Zukunft entsteht. Offensichtlich funktioniert das leider nicht immer. Aber Ratschlag geben wir besser nur, wenn wir darum gebeten werden. Wir warten auf die Frage: "Was würdest du denn tun?".


Statuskämpfe Vermeiden wir besser...

Das Problem mit der ersten, beratschlagenden Antwort ist, dass diese Art von Ratschlägen einen unbewussten Statuskampf auslösen können. Das passiert, in dem die beratschlagende Person dabei zwischen den Zeilen kommuniziert: "Ich weiss das schon. Ich mache das besser. Du solltest auch so sein wie ich." Dies kommt häufig aus einer Unsicherheit der Person, die Ratschläge erteilt. Die Person muss 'sich beweisen" und denkt, dass sie so Hilfe leistet. Gute Intention, falsches Mittel. Ein Ratschlag ist halt eben ein 'Schlag' und nur willkommen, wenn darum gebeten wird.


Das Problem des Statuskampfes umgehen wir mit der "offene Frage". Grundsätzlich unterscheiden wir geschlossene und offene Fragen.


Geschlossene Fragen


Stellen wir geschlossene Fragen wie: "Habt ihr euch zuhause gefetzt?", erhalten wir häufig nur ein Ja oder Nein. Diese Frageform lädt also kaum dazu ein, viel Information preiszugeben. Natürlicherweise werden die meisten Menschen vielleicht noch einen Satz an die Antwort dranhängen: "Ja, ich hatte schon die Türklinke in der Hand." Grundsätzlich ist diese Frageform aber einschränkend. Sie wird auch Entscheidungsfrage genannt, da die befragte Person mit der Antwort Stellung beziehen muss. In einem Gespräch wenden wir also diese Frageform nur an, wenn wir eine spezifische Information wollen.


Wir können die Alternativfrage ebenfalls hier eingliedern. Dabei stellen wir zwei Optionen gegenüber und die befragte Person muss sich entscheiden (Ausweichen ist natürlich auch möglich): "Hast du das Gefühl, es war deine oder seine Schuld?".


Auch Kontrollfragen gehören in die Kategorie der geschlossenen Fragen. Diese werden nur eingesetzt, um das Verständnis eines Sachverhalts zu klären, wobei wir vorher die Antwort schon einmal gehört haben: "Hat Sie dir also zuerst einen Vorwurf gemacht?" Auch hier folgt in der Regel nur ein Ja oder Nein.


Mit Blick auf den Satzbau starten geschlossene Fragen häufig mit einem Verb am Anfang.


Offene Fragen


Bei offenen Fragen erhalten wir deutlich mehr Informationen von einer Person. Offene Fragen kommen fast immer mit W-Fragewörtern und laden zum Erzählen ein: "Wie war es denn mit euch in den Monaten davor?" Danach können wir mit Folgefragen anknüpfen. Die Gefahr bei offenen Fragen liegt darin, dass eine Person sich bei der langen Antwort in Nebensächlichkeiten verliert.


Von den W-Fragewörter sind Wie und Was die offensten Formen: "Wie schlimm war es denn für dich, als du das erfahren hast?" oder "Was ging danach in deinem Kopf vor?". Die meisten anderen Fragewörter sind spezifischer darin, welche Information wir anfordern. Hier eine Übersicht:




Quelle: Patrzek, Springer 2021


Warum- und Wieso-Fragen können problematisch sein, da sie von der befragten Person häufig als Angriff gewertet werden. Diese reagieren in der Folge mit einer Rechtfertigung, Abwehr oder einem Ausweichen. "Warum hast du denn gelogen?" Eine Befragung mit diesen Wörtern führt häufig zu einer verhör-ähnlichen Situation. Wenn wir dennoch eine derartige Stellungnahme wollen, können wir der direkten Konfrontation ausweichen: "Was war ausschlaggeben, dass...?". Wir können auch indirekte Informationen anfordern: "Was bewegte dich dazu...?". Dabei können wir einen Aspekt hervorheben (im vorangehenden Beispiel, die gefühlsmässigen Beweggründe) und so erhalten wir meist das bessere Ergebnis als mit einem direkten Warum und Wieso.


Fazit


Wenn wir zwischenmenschliche Nähe und Verständnis schaffen wollen, dann Fragen wir besser nach mehr Informationen. Ratschläge sind dann hilfreich, wenn eine Person uns darum bittet. Geschlossene Fragen helfen, wenn wir eine Stellungnahme wollen. Offene Fragen bringen Leute zum Reden und schaffen Raum für Konversation. Achten Sie mal darauf: Wie viel ungebetene Ratschläge geben Sie innerhalb eines Tages?



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